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Emily Vogel: „Ich gehöre nicht in eine Schublade“
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Emily Vogel: „Ich gehöre nicht in eine Schublade“

In ihrer Heimatstadt Buxtehude hatte sie zum ersten Mal einen Handball in der Hand genommen.

Im Alter von 14 Jahren ging Emily Vogel, die bis zur Hochzeit mit dem ungarischen Wasserballer Simon Vogel im Jahr 2025 Bölk hieß, für ein Jahr nach Dänemark – und machte dort prägende Erfahrungen. Vier Jahre später, 2016, war die Tochter der 1993-er Weltmeisterin Andrea Bölk Nationalspielerin. Seit 2020 läuft die Rückraumspielerin für FTC Railcargo Hungaria Budapest auf – wie sich seither ihr Spielstil und ihre Idee, eine komplette Spielerin zu werden, entwickelt hat, erzählt die deutsche Nationalspielerin in dieser Folge der EHF-Serie „My game“.  

In einer erfolgreichen Karriere gibt es immer Weichenstellungen, die entscheidend sind. Für Emily Vogel war es dieses eine Jahr in Dänemark, im Alter von 14 Jahren ging sie in die Handballakademie von Viborg HK, sah dort täglich die großen Stars des dreifachen Champions-League-Siegers, sah, wie sie lebten, spielten und trainierten. Und dank des dänischen Schulsystems konnte sie sich ein Jahr fast ausschließlich auf Handball konzentrieren, mit sehr vielen Trainingseinheiten, auch mit und gegen ältere Jungen. „Als ich ein Kind war, wollte ich Handballerin werden. Erst als ich in Dänemark war, wusste ich, ich will auch einmal Profi werden. In Viborg bekam ich eine ganz andere Perspektive auf den Handball. Ich habe das erste Mal ein Gefühl für professionelle Rahmenbedingungen bekommen und bin auch in meiner Persönlichkeit unheimlich gereift in diesem Jahr – rückblickend habe ich sicherlich eine gute Basis für alle weiteren Schritte meiner darauffolgenden Karriere gelegt.“   

Nach dem Handball-ein-mal-eins, das Vogel beim Buxtehuder SV gelernt hat, begann sie nun, an ihrem späteren Spielstil zu feilen – natürlich mit skandinavischen Einflüssen: schneller, technisch versierter Handball.  Mit 16 Jahren hatte sie ihr Bundesligadebüt bei ihrem Heimverein Buxtehuder SV, danach war der Weg vorgezeichnet für Vogel, die 2016 mit 18 Jahren im deutschen Frauennationalteam debütierte. „Bevor ich in mein letztes Jahr in Buxtehude ging, war klar, dass danach der nächste Schritt folgen sollte. Mit Blick auf die Heim-Weltmeisterschaft 2017 bat mich der damalige Bundestrainer Michael Biegler, auf große Veränderungen zu verzichten.“  

Die Frage für danach war nur: direkt ins Ausland oder zu einem deutschen Spitzenklub. 2018 wechselte sie zum Thüringer HC – Vogel folgte ihrem Bauchgefühl.  „Als ich dort das erste Mal in der Champions League spielte, wusste ich auf einmal, was Handball auf Top-Niveau wirklich bedeutet. Auf einmal verstand ich, was mein Trainer Herbert Müller meinte mit „man muss es erlebt, selber gespielt, haben“– alles ist schneller, smarter, härter.“ 

Nach eineinhalb Jahren und einem halben Jahr Corona-Pause ging es 2020 weiter zu FTC nach Budapest, wo Vogel gerade ihren Vertrag bis 2028 mit der Option auf ein weiteres Jahr verlängert hat.  

Mit dem Wechsel nach Budapest änderte sich viel, nicht nur die Sprache. „Ich hatte keine Angst vor diesem Wechsel. Auch wenn viele Top-Leute in einem Team ein Kampf um Spielzeiten bedeutet und ich das erste Mal eine Sprachbarriere zu meinem Trainer hatte. Ich war bereit mich in komplett neuer Umgebung durchzubeißen und hatte Lust auf die neue Mentalität, den anderen Handball und die großen Ziele, die der Club verfolgt.“ 

Und von allen Stationen hat Vogel etwas für ihren Spielstil mitgenommen. „In Buxtehude waren es vor allem die Kleingruppen-Kooperationen, von denen ich heute noch zehre - dort habe ich noch sehr unbewusst und ganz intuitiv gespielt. Beim THC wurde das alles etwas systematischer, da gab es zum Beispiel Spielzüge, die genau für meinen Wurf ausgelegt waren. In Ungarn war die Spielvorbereitung dann mit viel mehr Analysen und Details auf einem ganz anderen Level. Zudem gab es unter Gabor Elek ein viel härteres Training und ich begann mein intuitives Spiel mit einer bewussteren Spielanlage zu erweitern.  

Mit der Zeit wurde Emily Vogel so zu der kompletten Handballerin, die sie immer werden wollte – nicht nur die Shooterin oder die Abwehrspezialistin. „Nach so vielen Jahren weiß ich, worin ich gut bin. Ich liebe es für und mit meinen Teamkolleginnen zu spielen. Zum Beispiel habe ich bei Assists oder erfolgreichen Abwehraktionen oft ein noch besseres Gefühl als wenn ich selber ein Tor werfe. Es gibt nicht die eine Schublade, in die ich reingehöre – ich wollte immer in allem gut sein. In Buxtehude spielte ich mal im rechten Rückraum, in der Abwehr werde ich mal im Innenblock, ein anderes Mal auf den Halbpositionen gebraucht. Das alles sehe als Chance variabler zu werden. Ich will eine komplette Handballerin sein, variabel spielen, egal, ob mit einem Distanzwurf, 1-gegen-1 oder mit einem Assist. Dem Team helfen, egal ob hinten in der Abwehr oder vorne im Angriff.“ 

Eines hasst Emily Vogel: wenn man nur Statistiken zur Bewertung zu Rate zieht ohne das Spiel gesehen zu haben: „Wer nur auf Zahlen und Statistiken schaut, hat das Spiel nicht verstanden. Wenn dort zum Beispiel steht, dass ich 50 Prozent aller Würfe getroffen habe, sieht niemand, wie viele davon kurz vor dem Zeitspiel aus 15 Metern waren. Oder wie viele Assists ich gegeben habe, ohne dass ein Tor dabei rausgekommen ist. Oder dass ich in der Abwehr den Kreis 60 Minuten lang bearbeite und dem Gegner das Spiel somit kaputtmache. Handball ist mehr als Zahlen, Handball ist viel komplexer, als dass man das Spiel nur mit Statistiken beschreiben könnte. Es geht um Cleverness, Ideen, Spielzüge, Energie in der Abwehr. Für mich ist Handball ein Gesamtkonstrukt aus Abwehr und Angriff und das Gefühl füreinander im Team.“ 

Vor allem eine Spielerin hat sie dabei in Budapest beeindruckt: Andrea Lekic: „Sie war viel mehr als eine Teamkollegin, eine Freundin, aber vor allem eine ganz besondere Persönlichkeit. Ich kann sagen, dass sie mich handballerisch geprägt hat, denn sie hat verstanden, wie Handball funktioniert, wie man ein Spiel liest. Es hat unheimlich Spaß gemacht mit ihr auf der Platte zu stehen, weil wir dieselbe „Handball-Sprache“ gesprochen haben. Ihr ging es immer darum, das Beste aus ihren Mitspielerinnen rauszuholen und damit die gesamte Mannschaft besser zu machen.“ 

Und an der Seite von Lekic, die im Sommer 2025 ihre Karriere beendet hatte, absolvierte Vogel auch jenes Spiel, das ihr heute noch Gänsehaut bereitet: das Champions-League-Halbfinale gegen Team Esbjerg beim EHF FINAL4 2023 vor mehr als 20.000 Fans im Budapester MVM Dome. „Jedes Mal, wenn ich heute in unserer Kabine das Lied „Freed from desire“ höre, muss ich an diesen Tag denken. Das ist so ein krasses Gefühl. Dass wir uns überhaupt zum ersten Mal für dieses End-Turnier qualifizierten, das wir dann dieses Halbfinale gewannen, einfach unglaublich. Perfekt wäre das Wochenende natürlich gewesen, wenn wir auch das Finale gegen die Vipers gewonnen hätten.“ Vogel hatte im Halbfinale den Siegtreffer zum 30:29 mit einem „völlig verrückten Tor“ mit dem Schlusspfiff erzielt. „Diese Kulisse, dieses Erlebnis war unglaublich. Das muss ich unbedingt wieder erleben.“ 

Im deutschen Nationalteam, für das Vogel Anfang März im EHF EURO qualifier gegen Slowenien ihr 150. Länderspiel absolviert hatte, erlebte sie bei der Heim-Weltmeisterschaft 2025 „genau das Drehbuch, das wir uns gewünscht hatten“ mit der Silbermedaille und ihrer Berufung ins Allstar-Team. Die Aufmerksamkeit für den Frauenhandball in Deutschland war enorm gestiegen, auch durch die Kampagne „Hands up for more“, ein Sondertrikot vor der WM, ein Buch über die Stars im Team. „Ich hatte in meiner ganzen Karriere und nach vielen verpassten Halbfinals auf ein solches Turnier gehofft, auch wenn die Fallhöhe natürlich extrem hoch war.“  

Dabei hatte das Jahr, das am Ende mit WM-Silber gekrönt wurde, für Vogel anders begonnen, als sie es erwartet hatte: zu den Testspielen gegen Frankreich war sie nicht nominiert worden, wurde zudem wie Alina Grijseels als Kapitänin abgesetzt. „Ich war viele Jahre in der Position, dass ich vorangegangen bin als Gesicht der Mannschaft, dann kam diese Entscheidung schon überraschend. Letztlich war es aber nur eine Maßnahme, bei der ich nicht berücksichtigt wurde. Bei der Weltmeisterschaft hatten wir dann viele Freiräume, die es uns ermöglicht haben unser A-Game zu spielen. Und ich war so gelassen wie noch nie. Bei dem, was ich erlebt habe, kann nicht mehr viel kommen, was mich aus der Bahn wirft.“ 

Generell hofft Vogel darauf, dass sich dieser Schub für den Frauenhandball in Deutschland fortsetzt: „Wir haben im Finale Norwegen Paroli geboten, was vorher keiner Mannschaft bei diesem Turnier gelungen ist, wir haben die erste Medaille seit Jahren gewonnen, standen zum ersten Mal seit 1993 in einem WM-Finale. Somit haben wir das Tor zur Weltspitze aufgestoßen, wir sind mit unseren Aufgaben gewachsen – und haben jetzt die Chance uns zu etablieren, und den Weg für die vielen deutschen Talente zu ebnen. Das ist der richtige Weg.“ 

Mit 27 Jahren denkt die Rückraumspielerin noch lange nicht ans Aufhören: „Olympia 2028 in Los Angeles ist ein absolut realistisches Ziel für mich. Dafür gebe ich alles – um dann auch sportlich ein besseres Ergebnis abzuliefern als in Paris.“ Und dann wäre da ja noch das Jahr 2032 – mit Olympia in Brisbane und der Heim-Europameisterschaft in Deutschland. Dann wäre Vogel 34 Jahre alt. „In dem Alter haben schon viele Spielerinnen noch auf einem Topniveau gespielt. Wenn der Körper mitspielt, ich fit bin und noch Spaß am Spiel habe, schließe ich das nicht aus.“ 

(Björn Pazen / Foto: Marco Wolf)

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