Der Kölsche Weg: Wie Köln den Handball über Vereinsgrenzen hinaus neu denkt
Was passieren kann, wenn eine Stadt den Handball nicht in Vereinsgrenzen denkt
Als Bob Hanning zuletzt gefragt wurde, was für ihn die Handball-Hauptstadt Deutschlands ist, lautete seine Antwort: Köln.
Dabei hatte er vermutlich die großen Bilder im Kopf: Die Final Fours in der Lanxess-Arena, ikonische Länderspiele, volle Hallen, die ganz große Bühne.
In der Domstadt passiert derzeit aber noch etwas anderes. Dort wird daran gearbeitet, dass Handball auch zwischen diesen Großereignissen sichtbar wächst.
Wer den Jugendhandball verfolgt, begegnet seit einigen Jahren immer öfter der JSG Handball Köln – in dieser Saison etwa in der B-Jugend-Bundesliga. Im Herbst hat sich ein großes Jugendturnier mit ambitionierten Teams etabliert, mit Vereinen wie den Füchsen Berlin, dem THW Kiel oder Lemgo.
Dazu kommen Formate wie der Cologne Handball Day, bei dem Jugendspiele, Mitmachangebote und ein Drittligaspiel des Longericher SC Köln an einem Ort zusammenlaufen.
Oder die 1. Grundschul-Liga Handball Köln, die als neues Format von LSC und namhaften Unternehmen aus der Region initiiert wurde.
Und last but not least gibt es da noch den LSC Köln selbst, der in der 3. Liga Süd-West erneut im oberen Drittel landen wird und um den Einzug in den DHB Pokal kämpft.
Was passiert da gerade in Köln? Sind das nur viele gute Einzelideen – oder steckt ein größerer Plan dahinter?
Viele Vereine, dieselben Probleme
„Wenn wir nicht die Initiative ergriffen hätten, dann wäre der 3. Liga-Handball in Köln vielleicht langsam zum Auslaufmodell geworden“, sagt Chris Stark, Trainer und Geschäftsführer beim LSC Handball Köln.
Die Lage, die er beschreibt, kennen viele Städte und Regionen. Mehrere Vereine leisten gute Arbeit, aber jeder arbeitet für sich. Hallenzeiten fehlen, Ehrenamtliche sind knapp, gute Trainer noch knapper. Talente werden ordentlich gefördert, aber eben nur im Rahmen der eigenen Möglichkeiten.
Dazu kommt ein strukturelles Problem: In einer Großstadt konkurrieren Vereine oft um dieselben Kinder, dieselben Sponsoren und dieselben Hallenzeiten.
Wer als Talent mehr will, schaut sich irgendwann woanders um. In Köln waren die Destinationen lange vor allem Dormagen oder Gummersbach.
„Unser Traum war und ist, dass wir Kölsche Jungs in Köln behalten können und gut ausbilden“, sagt Stark.
Die Lösung: Spitze bündeln, Basis erhalten
Aus dieser Idee entstand die JSG Handball Köln: Ein Zusammenschluss von drei Vereinen im männlichen Jugendbereich, dem LSC, MTV und 1.FC Köln.
Wichtig ist dabei zu verstehen, was die JSG ist – und was sie nicht ist.
Sie ist keine klassische Spielgemeinschaft, die gegründet wurde, weil Vereine allein zu wenige Spieler haben. Sie ist ein bewusst aufgebautes Leistungsmodell.
Bis einschließlich D-Jugend bleiben die Kinder in ihren Stammvereinen. Dort trainieren sie normal, spielen mit ihren Freunden, wachsen im Vereinsalltag auf. Ab der C-Jugend werden talentierte und ambitionierte Spieler dann in der JSG gebündelt.
Das verändert viel. Statt drei mittelguter Trainingsgruppen gibt es plötzlich einen richtig starken Kader. Statt dass jeder Verein einzeln nach Trainern sucht, können Ressourcen gebündelt werden. Statt Talente komplett zu verlieren, entsteht vor Ort ein nächster Entwicklungsschritt.
„Nicht jedes Kind kann und muss drei- oder viermal die Woche trainieren“, sagt Stark.
Die JSG ersetzt die Stammvereine nicht. Sie ergänzt sie. Viele Kinder bleiben weiterhin in ihren Vereinen. Dort braucht es ebenfalls gute Trainer, funktionierende Teams und Ehrenamt – genau wie vorher. Doch jetzt gibt es ein gemeinsames Interesse, dass dafür Lösungen gefunden werden.
Warum das in Köln offenbar funktioniert
Viele Vereinsverantwortliche würden an dieser Stelle vermutlich dennoch sofort fragen: Warum sollten wir da mitmachen und die besten Spieler einfach abgeben?
Die kurze Antwort: Weil sie einen gemeinsamen Nutzen erkennen.
Kinder bekommen früher besseres Training, auch in den Stammvereinen, etwa durch gemeinsames Fördertraining. Talente bleiben in der Stadt, Trainer tauschen sich aus, Vereine profitieren von zusätzlichen Projekten. Und niemand muss seinen kompletten Verein aufgeben.
Dazu kommt: Köln ist schrittweise gestartet. Eine gemeinsame C-Jugend machte den Anfang. Erst testen, Erfahrungen sammeln, Prozesse klären. Danach wurde erweitert.
Das ist oft realistischer als die große Fusion auf dem Reißbrett.
Wenn aus Kooperation neue Möglichkeiten entstehen
Besonders spannend werden die unterschiedlichen Projekte in Köln dort, wo es über den Sport hinausgeht.
Denn mit dem größeren Kölner Ansatz hat sich die Außenwirkung ganz konkret verändert – und damit auch die Zahl und Qualität möglicher Partner.
Stark berichtet von neuen Unterstützern wie großen Krankenkassen, dem Flughafen Köln/Bonn oder der Lanxess-Arena, die heute z.B. beim LSC-Projekt Grundschul-Liga mitwirken. Partner also, die über einen klassischen Stadtteilverein kaum erreichbar gewesen wären.
„Die hätten sich niemals alleine für den Longericher SC interessiert, aber die Sportart Handball und diese Köln-bezogenen Projekte sind spannend“, sagt Stark offen.
Genau darin liegt ein zentraler Unterschied. Ein einzelner Verein verkauft oft Trikotfläche oder ein Banner an der Hallenwand. Ein stadtweites Projekt bietet etwas Größeres an: Teil werden von Jugendförderung, Bewegung, Integration und Reichweite in einer ganzen Region.
Auch politisch verändert das etwas
Was sich ebenfalls verändert hat: Wenn drei Vereine, Schulprojekte, Nachwuchsteams, Sponsoren und hunderte Kinder hinter einem Thema stehen, ist die Gesprächsposition gegenüber Stadt und Verwaltung eine andere als beim Einzelanliegen eines Vereins.
Dann geht es nicht mehr nur um Trainingszeiten für Team X oder Hallenzeiten für Verein Y.
Dann geht es um Sportförderung in einer ganzen Stadt.
Oder anders gesagt: Aus der typischen Kölner Hallennot wird ein stadtweites Thema.
Mehr als nur Handball-Mannschaften
Schritt für Schritt werden dadurch Projekte möglich, die ein einzelner Verein oft kaum stemmen kann.
Ein großes Jugendturnier mit Topteams aus ganz Deutschland. Eine Jobmesse, bei der Jugendliche und Unternehmen zusammenkommen. Unternehmer-Netzwerkveranstaltungen. Schulaktionen und Handball-AGs. Jetzt die neue Grundschul-Liga.
Verena Esser, Projekt- und Eventmanagerin beim LSC Handball Köln und unter anderem verantwortlich für die Grundschulliga: „Wir wollen Kinder frühzeitig für Bewegung und am liebsten natürlich für den Handball begeistern. Wenn sie am Ende in einem anderen Sport landen, ist das auch ein Erfolg.“
Am Ende profitieren davon wieder auch die Stammvereine – und wahrscheinlich die gesamte Sportlandschaft vor Ort. Die Flut hebt alle Boote.
Gute Arbeit sichtbar machen
Auch der Cologne Handball Day folgt dieser Logik.
Jugendspiele, Mitmachangebote, Business-Frühstück, Drittligaspiel, Begegnung. Alles an einem Ort, an einem Tag.
Solche Veranstaltungen schaffen etwas, das vielen Vereinen fehlt und das sie allein kaum stemmen können: Öffentlichkeit außerhalb der eigenen Bubble. Der Handball bekommt eine große Bühne – in diesem Fall die Motorworld Köln.
Eltern kommen vorbei, Unternehmen schauen sich um, Kinder probieren den Sport aus. Die ganze Stadt merkt: Hier passiert etwas.
Der Schlüssel für die nächste Entwicklungsstufe liegt für Stark deshalb gar nicht nur darin, noch mehr zu machen.
„Wir müssen eher noch mehr darüber sprechen, was wir alles Gutes machen“, sagt er.
Was Vereine daraus lernen können
Die Geschichte aus Köln ist kein Modell, das man eins zu eins kopieren kann. Nicht jede Region ist eine Millionenstadt. Nicht jeder Standort hat drei ambitionierte Vereine, die Lanxess-Arena vor der Tür oder große Unternehmen im Umfeld.
Aber einige Prinzipien lassen sich übertragen.
1. Erst das gemeinsame Problem benennen.
In Köln ging es nicht zuerst um Logos, Namen oder Machtfragen. Sondern um eine einfache Frage: Wie halten wir Talente in der Stadt?
2. Klein anfangen statt groß zerreden.
Die erste gemeinsame C-Jugend war ein Testballon, kein Mammutprojekt. Viele Kooperationen scheitern, bevor sie starten, weil direkt die perfekte Lösung gesucht wird.
3. Stammvereine nicht entwerten.
Die Basis bleibt in den Vereinen. Dort beginnt Begeisterung, Ehrenamt, Kinderhandball und Bindung. Leistung kann man bündeln, ohne die Wurzeln zu kappen.
4. Größer denken schafft neue Partner.
Ein einzelner Verein verkauft Werbeflächen. Ein gemeinsames Projekt verkauft Relevanz für eine ganze Region.
5. Gute Arbeit sichtbar machen.
Turniere, Schulprojekte, Events und Netzwerke sind nicht Nebensache, sondern Wachstumstreiber.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus Köln: Fortschritt beginnt oft nicht mit mehr Geld oder mehr Talenten. Sondern mit der Entscheidung, den eigenen Verein nicht immer zuerst zu denken.
Über den Autor:
Marco Kehrenberg ist Experte für strategisches Sportmarketing mit Handball-Wurzeln. Als ehemaliger Spieler in der niederländischen Eredivisie und erfahrener Berater begleitet er Organisationen, Verbände und ausgewählte Projekte dabei, ihre Kommunikation, Positionierung und digitale Ausrichtung im Sport weiterzuentwickeln – strategisch, praxisnah und ohne operative Spielereien. Mehr dazu unter https://sport-iq.de.
Für handball.net beleuchtet er regelmäßig, wie Vereine und Organisationen sich im digitalen und strategischen Umfeld klug aufstellen können.
Foto: JSG Handball Köln
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