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Der 72-Stunden-Weltrekord und eine oft unterschätzte Stärke des Handballs
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Der 72-Stunden-Weltrekord und eine oft unterschätzte Stärke des Handballs

Der Weltrekord des T.H.-Eilbeck hat mich daran erinnert, dass es bei außergewöhnlichen Handball-Events nicht immer um Fortschritt, Reichweite oder einen finanziellen Mehrwert gehen muss. Manchmal reicht es, Menschen zusammenzubringen und eine gute Zeit zu haben.

Als ich einige Tage nach dem erfolgreichen Weltrekordversuch des T.H.-Eilbeck mit Julia Nikoleit telefonierte, hatte ich eigentlich schon eine fertige Geschichte im Kopf.

Julia war die treibende Kraft hinter dem Projekt. Gemeinsam mit ihrem Team organisierte sie in Hamburg ein Handballspiel über 72 Stunden und stellte damit einen neuen Weltrekord auf, zertifiziert vom Rekordinstitut für Deutschland. Für mich lag die große Frage auf der Hand: Was bringt so ein Event einem Verein eigentlich? Mehr Aufmerksamkeit? Neue Mitglieder? Sponsoren? Reichweite? Sollten darum nicht mehr Vereine außergewöhnliche Projekte starten?

Nach einigen Minuten Gespräch merkte ich: Ich stellte die vollkommen falsche Frage.

„Warum muss immer alles einen Nutzen haben?“, fragte Julia. „Warum können wir nicht auch einfach gemeinsam eine gute Zeit haben?“

Das saß.

„Das ist doch geil hier"

Julia erzählte von einer Spielergruppe, die eigentlich nur für ein, zwei Spielslots in der ersten Nacht angemeldet war. In der zweiten Nacht saßen dieselben Leute plötzlich wieder auf der Tribüne und feierten jeden Angriff auf dem Feld.

Irgendwann ging Julia zu ihnen rüber.

„Was macht ihr hier eigentlich hier? Ihr spielt doch gar nicht.“

Die Antwort: „Das ist doch geil hier. Wir kommen morgen auch wieder.“

Wer sich an seine Handballzeit erinnert, erzählt selten zuerst von sportlichen Erfolgen. Meistens geht es um Auswärtsfahrten, die Zeit bei Turnieren oder irgendwelche absurden Aktionen, über die Jahre später noch gesprochen wird. Der Weltrekordversuch schuf über drei Tage genau solche Erinnerungen.

Und je länger ich mit Julia sprach, desto mehr wurde mir klar: Genau darum ging es an diesem Wochenende. Nicht primär um einen Eintrag in irgendeiner Rekordliste, nicht um einen PR-Coup. Sondern einfach darum, Teil von etwas zu sein und eine gute Zeit zu haben.

Was Handballer eigentlich suchen

Vor einigen Monaten veröffentlichte die Agentur ONE8Y eine große Handball-Studie. Eine Frage interessierte mich dabei besonders: Wie beschreiben sich Handball-Interessierte selbst?

Die drei häufigsten Antworten:

  • Allgemein sportinteressiert
  • Gemeinschaftsorientiert
  • Feierfreudig

Als ich die Ergebnisse damals gelesen habe, fand ich sie nachvollziehbar. Ehrlich gesagt habe ich aber nicht weiter darüber nachgedacht.

Nach dem Wochenende in Hamburg musste ich mehrfach an genau diese Zahlen denken.

Denn die Studie beschreibt ziemlich genau das, was ich dort erlebt habe – und was Julia beschreibt, wenn sie über die Stimmung in der Halle spricht.

„Team Weiß hat schon nach den ersten Stunden rettungslos im Rückstand gelegen, aber gefühlt hat der Spielstand niemanden interessiert“, sagt sie. „Die Leute haben Handball gespielt, weil ihnen Handball einfach Spaß macht.“

Gemeinsam eine gute Zeit haben

Damit spricht sie einen Punkt an, von dem ich mich auch nicht freisprechen kann. Im Handball geht es viel um Leistung, um Entwicklung, um die nächsten Schritte. Das ist auch alles richtig. Aber Julia stellt die Gegenfrage:

„Wieso kann das Ziel nicht auch einfach mal sein, gemeinsam eine gute Zeit zu haben?“

Wir sprechen häufig darüber, wie wir bessere Spieler entwickeln, Talente halten oder sportlich erfolgreicher werden können. Deutlich seltener sprechen wir darüber, dass viele Menschen ganz andere Gründe haben, warum sie überhaupt in die Halle kommen.

Nicht jeder kann oder möchte Leistungssport betreiben, nicht jeder möchte das Maximum aus seiner Handballkarriere herausholen.

Viele möchten einfach Handball spielen, Menschen treffen, Teil einer Gemeinschaft sein und gemeinsam etwas erleben. Und wenn die Studie recht hat, dann sind das nicht wenige.

Was das für deinen Verein bedeutet

Genau darin liegt die eigentliche Chance für Vereine:

Mehr Gelegenheiten für Menschen zu schaffen, für die nicht die sportliche Leistung im Mittelpunkt steht, sondern die Freude am Handball und an der Gemeinschaft.

Julia selbst hat im Gespräch klar gesagt: „Es muss ja gar nicht gleich so ein Riesenevent sein.” Sie erzählte von mannschaftsübergreifenden Trainingsangeboten, von Hobbygruppen und von Aktionen, bei denen Menschen unabhängig von Alter, Leistungsniveau oder Vereinszugehörigkeit zusammenkommen.

Warum nicht gemeinsam mit anderen Vereinen ein Handballfest organisieren? Warum nicht gezielt Menschen und Gruppen außerhalb der eigenen Vereinsbubble ansprechen und fragen, ob sie dabei sein wollen? Warum nicht Formate schaffen, bei denen es ausnahmsweise nicht um Punkte und Tore geht?

Julia betreibt selbst eine Hobbygruppe beim T.H.-Eilbeck, Spitzname „die Enten“. Die Altersspanne reicht von 18 bis 64 Jahren. Dort trainieren Männer und Frauen gemeinsam; Ex-Spieler, Neuanfänger, Eltern von Jugendspielern und Menschen, die keinen klassischen Zwei-bis-drei-Trainingseinheiten-pro-Woche-Betrieb mehr stemmen können oder wollen.

Gerade solche Angebote schaffen einen Platz für Menschen, die dem Handball verbunden bleiben möchten, ohne sich noch vollständig auf den regulären Spielbetrieb einzulassen.

Auch beim Weltrekord waren viele von ihnen mit dabei. Und sie haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass diese 72 Stunden überhaupt möglich wurden.

Was andere Vereine daraus mitnehmen können

  • Fragt euch nicht nur, wie ihr bessere Spieler entwickelt, sondern auch, welche Erlebnisse ihr für eure Mitglieder schafft.
  • Nicht jedes erfolgreiche Vereinsangebot braucht einen sportlichen oder wirtschaftlichen Zweck. Manchmal reicht es, Menschen zusammenzubringen.
  • Denkt bei Veranstaltungen bewusst über eure Vereinsgrenzen hinaus. Oft entstehen die spannendsten Begegnungen mit Menschen, die sonst nie Teil derselben Mannschaft wären.
  • Schafft Angebote für Menschen, die Handball lieben, aber keinen klassischen Leistungs- oder Spielbetrieb mehr suchen. Dort liegen oft Potenziale, die Vereine übersehen.
  • Wer Gemeinschaft fördern möchte, muss Gelegenheiten schaffen, bei denen Menschen ohne Leistungsdruck zusammenkommen können.

Über den Autor:

Marco Kehrenberg ist Experte für strategisches Sportmarketing mit Handball-Wurzeln. Als ehemaliger Spieler in der niederländischen Eredivisie und erfahrener Berater begleitet er Organisationen, Verbände und ausgewählte Projekte dabei, ihre Kommunikation, Positionierung und digitale Ausrichtung im Sport weiterzuentwickeln – strategisch, praxisnah und ohne operative Spielereien. Mehr dazu unter https://sport-iq.de.

Für handball.net beleuchtet er regelmäßig, wie Vereine und Organisationen sich im digitalen und strategischen Umfeld klug aufstellen können.

Fotos: Sascha Klahn

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