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Wie macht man das Unmögliche möglich?
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Wie macht man das Unmögliche möglich?

Der SV Todesfelde steht vor dem Sprung in die 2. Bundesliga. Die Geschichte zeigt, wie ein Dorfverein mit Mut, Netzwerk und vielen kleinen Bausteinen ein großes Projekt möglich macht.

Dorfverein Todesfelde auf dem Sprung in die 2. Liga

Der SV Todesfelde hat als Dorfverein innerhalb weniger Wochen ein Projekt gestemmt, das viele für unrealistisch gehalten hätten. Die Geschichte zeigt, was passiert, wenn ein Verein eine große Chance erkennt – und einfach anfängt zu arbeiten.

Todesfelde liegt zwischen Hamburg und Kiel, mitten im Bad Segeberger Niemandsland. Und genau dort saßen Anfang Januar sieben oder acht Leute zusammen und stellten sich eine Frage: Was machen wir eigentlich, wenn diese Saison so weiterläuft?

Sportlich lief es zu diesem Zeitpunkt längst besser als erwartet. Der Aufsteiger aus der Regionalliga spielte in der 3. Liga plötzlich ganz vorne mit. Das ursprüngliche Ziel – 20 Punkte und Klassenerhalt – war früh erreicht. Nach zehn Spielen stand die Mannschaft noch ohne Punktverlust da.

Und damit stand eine Entscheidung im Raum, die vor der Saison vollkommen absurd war: Versuchen wir das jetzt wirklich? Gehen wir den Schritt in die 2. Liga an?

Der Moment, in dem ein Verein merkt: Da geht mehr

Ich habe selbst schon in vielen solchen Runden in Sportvereinen gesessen. Diese Gespräche beginnen selten mit klaren Plänen. Meist eher mit Fragezeichen und Unsicherheit.

So auch in Todesfelde.

„Wir sind da wirklich planlos reingegangen“, sagt Tim Aldenhövel, Sportlicher Leiter beim SV Todesfelde. „Am Anfang ging es gar nicht um Lizenzthemen. Wir haben uns eher gefragt: Was haben wir hier eigentlich für Möglichkeiten?“

Die Ausgangslage war überschaubar. Ein Förderverein, eine kleine Halle, ein überschaubares Budget. Eine engagierte Mannschaft, allesamt unbezahlt.

Mehr Fakten lagen zunächst nicht auf dem Tisch.

Vielleicht war genau das ein Vorteil.

Denn während viele Vereine zuerst versuchen würden, jede Konsequenz durchzurechnen und Risiken zu verstehen, entwickelte sich in Todesfelde eine andere Dynamik: Man arbeitete sich Schritt für Schritt vor.

Neue Fragen tauchten auf, neue Baustellen auch.

Und jede davon wurde einfach nacheinander angegangen.

„Unser Vorteil war vielleicht, dass wir das Ausmaß am Anfang gar nicht verstanden haben“, sagt Aldenhövel. „Hätten wir das komplette Lizenz-Pamphlet sofort durchdrungen, hätten wir vielleicht gesagt: Das wird nichts.“

Eine gesunde Portion Naivität kann manchmal erstaunlich produktiv sein.

Die eigentliche Frage: Wollen wir diese Chance nutzen?

Irgendwann wurde im kleinen Kreis allen klar: Diese Situation ist außergewöhnlich, womöglich einmalig. Ein Dorf mit etwas über 1.000 Einwohnern steht plötzlich vor der Möglichkeit, im Frauenhandball in die 2. Bundesliga aufzusteigen.

„Uns war relativ schnell klar: So eine Chance kommt vielleicht nicht wieder“, sagt Aldenhövel.

Bevor es um Geld oder Strukturen geht, klärt der Verein eine andere Frage.

Macht die Mannschaft diesen Weg überhaupt mit?

Denn der Schritt nach oben bedeutet vor allem mehr Aufwand. Mehr Training, mehr Reisen, mehr Verpflichtungen – ohne automatisch deutlich bessere Bedingungen.

Die Entscheidung fällt trotzdem einstimmig. Der Verein kann loslegen.

Viele Bausteine statt einer großen Lösung

Relativ schnell steht die zentrale Herausforderung fest: Rund 150.000 Euro Budgetnachweis für die Lizenz. Nicht nur für einen Dorfverein ist das eine große Zahl.

Die Lösung soll bewusst nicht aus einem großen Sponsor bestehen, sondern aus vielen Bausteinen.

Der Verein spricht zunächst mit seinen bestehenden Partnern. Unternehmen, die seit Jahren mit Bannerwerbung in der Halle vertreten sind. Die Gespräche sind offen: Wenn dieser Schritt funktionieren soll, müssen sich auch die Sponsoringmodelle entwickeln.

Parallel entstehen neue Ideen.

Ein Spendenlauf bringt rund 22.000 Euro ein. Crowdfunding liefert weitere Beiträge. Dazu kommen kleinere Aktionen im Vereinsumfeld, Unterstützer-Armbänder für drei Euro zum Beispiel.

„Natürlich sagt man bei solchen Ideen schnell: Das bringt doch nichts“, sagt Aldenhövel. „Aber am Ende waren das wieder mehrere hundert Euro.“

Wichtiger ist ein anderer Effekt. Menschen im Dorf tragen diese Armbänder heute sichtbar im Alltag. Sie zeigen: Wir gehören zu diesem Projekt.

Netzwerke aktivieren

Der größte Hebel entsteht schließlich dort, wo viele Vereine ohnehin ansetzen: Im eigenen Netzwerk.

Einmal im Jahr organisiert der SV Todesfelde einen Sponsorenabend. In diesem Jahr sitzen dort mehr als 80 Gäste. Der Verein nutzt den Abend, um sehr offen über die Situation zu sprechen: Über die sportliche Entwicklung, über die Chancen, aber auch über die Herausforderungen.

Die Reaktionen kommen danach fast von allein. Neue Sponsoren melden sich, Kontakte werden vermittelt, Unternehmen empfehlen weitere Partner.

Aus diesem Kreis entsteht auch der Kontakt zum „Klub 111“, einem Zusammenschluss von Spitzensport-Förderern in der Region Lübeck. Ein Netzwerk, das plötzlich auch bei einer anderen Frage helfen kann: Der Spielstätte.

Denn im Kreis Segeberg gibt es aktuell keine Halle, die den Anforderungen der 2. Bundesliga entspricht. Auch das gehört zu großen Projekten im Amateurhandball: Ein Problem führt oft erstmal zum nächsten.

Ehrenamt im Projektmodus

Je länger das Projekt läuft, desto deutlicher wird der Aufwand. „Irgendwann haben wir gemerkt: Das ist eigentlich ein Full-Time-Job“, sagt Aldenhövel.

Parallel lief bereits die Kaderplanung für die mögliche Zweitligasaison: Gespräche mit Spielerinnen, Absprachen im Trainerteam, erste Überlegungen zu Verträgen und zusätzlichen Kosten. „Da haben wir teilweise täglich telefoniert“, sagt Aldenhövel. „Denn mit jeder sportlichen Entscheidung stellt sich sofort auch die Finanzfrage.“

Viele Aufgaben rund um die Finanzierungsprojekte werden deshalb verteilt. Nicht jeder arbeitet dauerhaft an allem. Viele Unterstützer aus dem Umfeld übernehmen kleine Teilprojekte – ein paar Stunden hier, ein paar Stunden dort.

Ein Prinzip, das im Vereinsleben oft unterschätzt wird: Wenn viele Menschen kleine Verantwortungsbereiche übernehmen, kann auch ein großes Projekt plötzlich machbar werden.

Oder, wie Aldenhövel es beschreibt: „Hier arbeitet jeder für jeden.“

Was andere Vereine daraus mitnehmen können

Diese Geschichte dreht sich auf den ersten Blick um sportlichen Erfolg. Eigentlich erzählt sie aber etwas anderes: Wie Vereine große Projekte bewegen und das Unmögliche möglich machen können.

1. Große Projekte beginnen selten mit einem fertigen Plan. Oft reicht ein kleiner Kreis, der sagt: Wir prüfen das jetzt ernsthaft, lasst uns das mal genauer anschauen.

2. Chancen müssen aktiv ergriffen werden. Der Verein hätte den Moment auch vorbeiziehen lassen können und die Geschichte wäre verpufft. Hat er aber nicht.

3. Transparenz mobilisiert Unterstützung. Sponsoren, Netzwerk und Umfeld wussten durch die Offenheit des Vereins genau worum es geht.

4. Viele kleine Bausteine machen ein Projekt stabil. Spendenlauf, Crowdfunding, Sponsoren, Aktionen im Dorf – alles zusammen trägt die Finanzierung.

5. Netzwerke sind oft der größte Hebel. Der Sponsorenabend wurde zum zentralen Knotenpunkt. Netzwerk-Effekte solltet ihr niemals unterschätzen – und oft werden die bei großen Aufgaben noch wichtiger.

6. Verantwortung verteilen - und richtig Gas geben. Große Projekte funktionieren selten über zwei oder drei Schultern. Bei derartigen Geschichten hört man aber auch immer enorm viel Fleiß heraus.

Fazit

Beim SV Todesfelde ist das Projekt noch längst nicht abgeschlossen. Die endgültige Finanzierung steht noch nicht komplett, auch die Hallenfrage wird den Verein weiter beschäftigen.

Aber etwas anderes ist bereits passiert.

Innerhalb weniger Wochen hat ein kleiner Verein ein Projekt angeschoben, das viele zunächst für unrealistisch gehalten hätten. Ohne hauptamtliche Strukturen, ohne großen Investor und ohne fertigen Masterplan.

Stattdessen mit vielen Gesprächen, vielen Ideen – und ziemlich viel Arbeit.

Was andere Vereine daraus mitnehmen können: Große Projekte entstehen selten, weil am Anfang schon alles geklärt ist. Sie entstehen, weil jemand den Moment erkennt und sagt: Lasst es uns versuchen.

Und dann fängt man an. Baustein für Baustein.

Das Team hinter dem Team beim SV Todesfelde:
Florian Haupt (Leiter Leistungssport), Dirk Grabowski (Team Manager), Finn Meiners (Teamkoordinator), Tim Aldenhövel (Sportlicher Leiter)

Über den Autor:

Marco Kehrenberg ist Experte für strategisches Sportmarketing mit Handball-Wurzeln. Als ehemaliger Spieler in der niederländischen Eredivisie und erfahrener Berater begleitet er Organisationen, Verbände und ausgewählte Projekte dabei, ihre Kommunikation, Positionierung und digitale Ausrichtung im Sport weiterzuentwickeln – strategisch, praxisnah und ohne operative Spielereien. Mehr dazu unter https://sport-iq.de.

Für handball.net beleuchtet er regelmäßig, wie Vereine und Organisationen sich im digitalen und strategischen Umfeld klug aufstellen können.

Foto: Sönke Ehlers

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