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Ganztag als Chance: Was Vereine aus einem Praxisbeispiel für den Handball mitnehmen können
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Ganztag als Chance: Was Vereine aus einem Praxisbeispiel für den Handball mitnehmen können

Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, Best Practice mit dem TK Hannover.

Ab August 2026 greift schrittweise der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Für viele Vereine ist das vor allem mit Fragen verbunden: Was bedeutet das für den Trainingsalltag? Wie verändert sich der Zugang zu Kindern? Und welche Rolle kann Vereinssport künftig im Ganztag spielen? 

Klar ist: Die Entwicklung ist längst in vollem Gange. Umso wichtiger wird es sein, dass Handballvereine sich mit den neuen Rahmenbedingungen auseinandersetzen, nicht defensiv, sondern mit einem offenen Blick auf die Möglichkeiten. Wie das gelingen kann, zeigt ein Best-Case-Fall aus Hannover. Im Gespräch mit Hajo Rosenbrock aus dem Vorstand des Turn-Klubb zu Hannover wird deutlich, welche Chancen im Ganztag liegen, aber auch, was Vereine dafür mitbringen müssen. Der TK Hannover ist in diesem Feld kein Neuling: Seit 2010 betreut der Verein Kinder in hannoverschen Ganztagsgrundschulen und ist heute an 14 Standorten aktiv, an denen täglich mehr als 2.700 Kinder begleitet werden. 
 

Ganztagsanspruch Grundschule: Neue Realität im Alltag von Kindern und Familien 
Der Ganztag hat das Potenzial, den Alltag von Kindern grundlegend zu verändern. Wenn die Familien sich für eine Ganztagsbetreung entscheiden, verbringen Kinder im Grundschulalter einen deutlich größeren Teil des Tages in Schule oder Betreuung. Für Vereine bedeutet das zwangsläufig: Die Zeitfenster, in denen Kinder früher ganz selbstverständlich in den Sportverein kamen, werden kleiner oder verschieben sich. Darin steckt für den organisierten Vereinssport zunächst einmal eine Herausforderung. Gleichzeitig entsteht aber auch ein neuer Raum, in dem Bewegung, Spiel und Sport einen festen Platz haben können. Entscheidend ist deshalb nicht die Frage, ob Vereine mit dieser Entwicklung konfrontiert sind. Entscheidend ist, wie sie darauf reagieren. 
 
Für Sportarten wie den Handball ist das ein wichtiges Thema, da sich sehr viele Kinder im Grundschulalter für diese Sportart entscheiden. Steigt durch den gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung die Zeit der Kinder in der Schule, dann wird das auch zunehmend der Ort, an dem die ersten Kinder den ersten Kontakt zum Handball bekommen. 
 

Der entscheidende Perspektivwechsel 
Für Rosenbrock ist erfolgreiche Vereinsarbeit, die Kinder für den eigenen Verein begeistert, auch Ausdruck einer Haltungsfrage.  „Wir sind zu den Kindern gegangen, wenn die Kinder nicht mehr zu uns kommen“, sagt er. Beim Thema Ganztagsanspruch ist dieser Perspektivwechsel ist für viele Vereine wahrscheinlich der wichtigste erste Schritt. 
 
Denn Ganztag bedeutet nicht zwangsläufig Verlust von Vereinssport. Er bedeutet vor allem, dass sich Wege verändern. Kinder im Grundschulalter sind weiterhin an Bewegung interessiert. Die Frage ist nur, in welchem Rahmen sie diese Bewegung erleben. Für Handballvereine eröffnet eine Kooperation mit Grundschulen oder Kommunen, die die Ganztagsbetreuung organisieren, die Möglichkeit, früh im Leben der Kinder sichtbar zu werden, niedrigschwellige Angebote anzubieten und Kinder dort anzusprechen, wo ihr Alltag ohnehin stattfindet. Etwa über Ballschule, Bewegungsangebote, Handball-AGs oder erste kleine Spielformen. 
 
„Kinder haben eigentlich immer und überall Bock auf Sport und Bewegung, das wird sich auch nicht ändern. Entscheidend ist nur, in welchem Rahmen wir sie erreichen“, sagt Rosenbrock vom TK Hannover. Sie sind nun einfach länger in der Schule oder einer anderen Betreuungseinrichtung. Beim TK Hannover geschieht das etwa über Handballtraining, Ballschul- und Bewegungsangebote sowie die Junior League Hannover, in deren Rahmen seit 2021 mehrere freiwillige Handball-Spieltage und Turniere für Grundschulen organisiert werden. Die Spieltage organsiert der THK, für die Schulen bleibt der Aufwand dadurch überschaubar.  


Ganztag schafft nicht nur Aufgaben, sondern auch Möglichkeiten 
Wichtig ist dabei auch der organisatorische Rahmen: Ganztag ist keine rein vereinsinterne Zusatzaufgabe, die irgendwie nebenbei gestemmt werden kann. Die Angebote werden vor Ort durch ein Zusammenspiel von Bund, Ländern, Kommunen und Trägern ermöglicht. Für Vereine oder freie Träger bedeutet das: Wer in Ganztagsstrukturen eingebunden ist, kann auf dieser Grundlage auch Personal aufbauen, Angebote verlässlich organisieren und neue Strukturen entwickeln. 
 
Genau das ist für viele Vereine ein entscheidender Punkt. Ganztag kostet nicht nur Ressourcen, sondern eröffnet durch öffentliche Finanzierung überhaupt erst die Möglichkeit, Mitarbeitende einzustellen und sportliche wie pädagogische Angebote professioneller aufzustellen. 

Vom ersten Kontakt bis zur Vereinsbindung 
Für Handballvereine ist vor allem eine Frage spannend: Kann aus Ganztagsangeboten auch langfristige Vereinsbindung entstehen? Die Erfahrungen aus Hannover zeigen: Ja, das kann gelingen. Ganztag kann ein Türöffner sein, weil Kinder dort früh mit Ball, Bewegung und Teamgefühl in Kontakt kommen. 

Damit daraus der Weg in den Verein wird, braucht es aber passende Anschlussangebote und Menschen, die diesen Übergang begleiten. Genau darin liegt eine große Chance für den Handball. Denn in der Schule erreichen Vereine auch Kinder, die sonst vielleicht gar nicht in der Halle ankommen würden. Rosenbrock sagt dazu: „In der Schule sind alle Kinder: die talentierten, die weniger talentierten, die sportlichen, die motivierten, die zurückhaltenden. Im Verein landen dagegen oft vor allem die Kinder, die von ihren Eltern aktiv dorthin begleitet oder geschickt werden. Ob ein Kind Talent hat, entscheidet sich dadurch noch lange nicht.“ 


Wachstum beginnt nicht mit Größe 
Wichtig ist außerdem der direkte Kontakt zu Grundschulen im eigenen Umfeld. Dort entstehen oft die ersten Möglichkeiten für Zusammenarbeit. Denn um aus den Herausforderungen des Ganztags auch Chancen zu machen, etwa mehr Hallenzeiten, Bezahlungsmöglichkeiten für Trainerinnen und Trainer und den frühen Kontakt zu Kindern, aus dem später auch Vereins-Handballerinnen und -Handballer werden können, ist die Kooperation zwischen Verein, Grundschule oder Träger entscheidend. 

„Man muss nicht sofort ein umfassendes Gesamtkonzept haben“, sagt Rosenbrock. „Viel wichtiger ist es, überhaupt anzufangen, Kontakte aufzubauen und Erfahrungen zu sammeln. Ein erstes Angebot an einer Grundschule, ein Projekttag, eine AG oder ein regelmäßiges Bewegungsformat können bereits ein sinnvoller Einstieg sein. Man muss mutig sein.“ 

Hilfreich ist zudem der Austausch mit Vereinen, die bereits Erfahrungen gesammelt haben. Nicht als Vorlage zum Kopieren, sondern um besser einschätzen zu können, welche personellen, organisatorischen und pädagogischen Anforderungen entstehen.  
 

Was Vereine konkret tun können 
Für Rosenbrock ist im ersten Schritt Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg: „Der erste Weg führt dabei nicht unbedingt in die Sporthalle, sondern in die Kommune und an die Schulen.“ Wer Ganztag mitdenken will, sollte frühzeitig klären, wie die Strukturen vor Ort aufgebaut sind und welche Ansprechpartner in Frage kommen. 
 
Wichtig ist außerdem der direkte Kontakt zu Grundschulen im eigenen Umfeld. Dort entstehen oft die ersten Möglichkeiten für Zusammenarbeit. Für Handballvereine kann das heißen, zunächst mit einer AG, einer Ballschule, einem Bewegungsangebot oder einem Aktionstag zu starten. Entscheidend ist nicht das große Modell, sondern der erste Zugang. 

Eine Aufgabe für die kommenden Jahre 
Das Praxisbeispiel aus Hannover macht vor allem eines deutlich: Der Einstieg ist möglich. Nicht immer einfach, nicht ohne Arbeit, aber lohnend. Für Vereine kann genau darin die entscheidende Botschaft liegen. Nicht abzuwarten, bis sich alles verändert hat, sondern sich frühzeitig auf den Weg zu machen. 
 
Denn am Ende geht es nicht nur um neue Strukturen. Es geht darum, Kinder auch unter veränderten Bedingungen weiterhin für Bewegung, Mannschaftssport und Gemeinschaft zu begeistern und gerade dem Handball dort neue Zugänge zu eröffnen. 

  (Foto: Florian Petrow)

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