Wenn der Amateurhandball plötzlich aussieht wie Bundesliga
Warum professionelle Videoformate im Unterbau mehr sind als Selbstdarstellung – und was Vereine daraus lernen können
Vor einiger Zeit ist mir ein Handball-Instagram-Kanal aufgefallen, der im Feed sofort herausstach: Sehr hohe Postingfrequenz, professionell geschnittene Reels mit Nahaufnahmen, Zeitlupe und viel Emotion.
Erst auf den zweiten Blick habe ich erkannt: Hier werden Amateurhandballer gezeigt – aber inszeniert wie Profisport.
Bei einem Post wurde deutlich, dass hier etwas anders läuft: “Ausgebucht für die Saison 2025/26. Keine freien Termine mehr.”
Spätestens da war klar: Diese Inhalte sind kein Hobbyprojekt, Amateurvereine zahlen für diese Leistung.
Aber lohnt sich professionelles Bewegtbild im Amateurhandball wirklich? Bringt es Sponsoren? Oder ist es am Ende nur schöne Selbstdarstellung ohne echten Mehrwert für den Verein?
Hinter dem Account @themovieshooters steckt kein Medienunternehmen und keine Agentur, sondern eine einzelne Person: Marco aus Friesland, vielen in der Region mittlerweile als „der Movie Shooter” bekannt.
Ein persönlicher Einschnitt – und ein neuer Zugang zum Handball
Marco hat über 35 Jahre selbst Handball gespielt, war Trainer, ist tief in der Sportart verwurzelt. Dann verändert eine Autoimmunerkrankung alles. Acht Wochen Krankenhaus. „Mir fiel die Decke auf den Kopf“, sagt er. Selbst zu spielen oder zu coachen war danach nicht mehr möglich.
Fotografie war bis dahin nur ein Hobby. Aus vorhandenen Spielaufnahmen begann er, Reels zu schneiden – erst aus Neugier, dann mit wachsendem Anspruch. Wer seine Videos sieht, merkt schnell: Hier trifft Handball-Verständnis auf ein gutes Gespür für Bilder. „Meine Leidenschaft ist halt der Handball“, sagt Marco.
Was als Zeitvertreib begann, wurde schnell mehr. Erst der eigene Verein, die HSG Varel. Dann kamen Anfragen aus der Region. Heute ist er als Videograf für verschiedene Vereine in Oldenburg, Vechta und Wilhelmshaven unterwegs – bewusst geschlechterübergreifend, mit starkem Fokus auf den Frauenhandball.
Warum dieses Modell zum Amateursport passt
So besonders Marcos Weg ist, entscheidend für andere Vereine ist natürlich etwas anderes: Nicht warum er das macht, sondern was seine Arbeit auslöst.
Für viele Profiklubs sind Highlight-Clips Standard. Im Amateurbereich sind sie hingegen oft ein besonderes Ereignis.
Marco hat daraus ein Modell entwickelt, das niedrigschwellig funktioniert. Viele Vereine buchen ihn einmal pro Saison. Die sehr fairen Kosten (das ist Marco wichtig) werden auf das Team umgelegt oder von einem Sponsor übernommen – der sich wiederum freut, wenn Trikots, Banner oder Logos professionell in Szene gesetzt werden.
Hinzu kommt ein zweiter Baustein: Gewinnspielpartner. Regionale Unternehmen, wie etwa Sportläden, Versicherungen, Handwerksbetriebe, stellen einen Shooting-Tag kostenlos für ein Team im Umkreis zur Verfügung. Marco liefert Reels, Fotos, ein Highlight-Video. Der Partner bekommt Sichtbarkeit und reale, regionale Follower.
„Das macht viel mehr Sinn, als wenn die irgendwo eine Anzeige kaufen“, sagt Marco. Und man merkt: Hier wird Social Media nicht als Spielerei verstanden, sondern als lokales Kommunikationsmittel.
Gemeinsame Reichweite nutzen
Ein weiterer zentraler Punkt: Marco bringt nicht nur die Kamera, sondern auch seine Plattform mit. Die Inhalte erscheinen neben den Vereinskanälen zusätzlich auf seinem eigenen Account mit rund 13.000 Followern. So entsteht zusätzliche Reichweite, auch außerhalb der eigenen Liga und Region.
Möglich ist dieses Engagement auch durch den Rückhalt seiner Familie, die den zeitlichen Aufwand am Wochenende mitträgt.
Gerade im Jugendbereich ist er oft kostenlos oder gegen Spritgeld unterwegs. „Die freuen sich. Alle kommen und geben mir ein High-Five.“ Für ihn ist das eine Möglichkeit, dem Handball treu zu bleiben und etwas zurückzugeben. Für die Vereine entstehen Sichtbarkeit und Wertschätzung.
In der Summe entsteht ein Modell, das für viele Amateurvereine realistisch ist: Klar kalkulierbarer Aufwand und Invest, professionelle Inhalte, zusätzliche Reichweite und verwertbare Argumente für Sponsoren – ohne dass Ehrenamtliche zusätzliche Arbeit übernehmen müssen.
„Gold wert“: Die Vereinsperspektive
Um die Wirkung der Videos besser einzuordnen, habe ich mit Svenja Ruhöfer von den SFN Vechta Guardians (3. Liga Frauen) gesprochen. Ihre Einschätzung ist klar: Die Videos haben die Wahrnehmung des Vereins spürbar verändert.
Die Inhalte hätten dem Verein geholfen, Sponsoring neu zu denken. „Viele sehen durch die Videos erst, wie emotional, intensiv und schnell unser Sport ist“, sagt Svenja. Tatsächlich seien mehrere Partner gezielt über diese Inhalte auf den Verein aufmerksam geworden. Gerade im Frauenhandball auf dieser Ebene sei mediale Sichtbarkeit entscheidend. Lokale Berichterstattung ist begrenzt, Social Media wird so zum eigenen Kanal.
Für Partner wird das Engagement so greifbar: Bande, Trikot, Aufwärmshirt – sichtbar in bewegten Bildern, bei jedem Reel. Der Effekt reicht dabei bis in die Jugend, die ebenfalls von größerer Aufmerksamkeit und besserer Ausstattung profitiert.
Hinzu kommt der Zeitfaktor. Marco produziert, schneidet, veröffentlicht und verlinkt. Der Verein wird entlastet. „Du kannst dich voll auf deine Leidenschaft konzentrieren“, sagt Svenja. Und manchmal kommen Sponsoren dann sogar von selbst.
Was andere Vereine daraus mitnehmen können:
- Professionelle Inhalte sind kein Luxus, sondern können ein echtes Werkzeug bei der Sponsorensuche sein.
- Externe Dienstleister entlasten Ehrenamtliche und sorgen für ein hohes Qualitätsniveau - dabei reicht schon ein Einsatz im Jahr.
- Reichweite lässt sich leihen, wenn man sie selbst (noch) nicht hat.
- Sponsoring wird greifbarer, wenn Leistungen sichtbar und teilbar sind.
- Entscheidend ist nicht das Medium, sondern die Geschichte, die erzählt wird.
Fazit
Natürlich ist jemand wie Marco ein Glücksfall für die Handballregion Friesland. Entscheidend sind jedoch die Prinzipien dahinter: Wer potenziellen Partnern ein realistisches Bild des eigenen Sports vermitteln will, kommt an hochwertigen, professionell erzählten Inhalten kaum vorbei, auch im Amateurbereich.
Über den Autor:
Marco Kehrenberg ist Experte für strategisches Sportmarketing mit Handball-Wurzeln. Als ehemaliger Spieler in der niederländischen Eredivisie und erfahrener Berater begleitet er Organisationen, Verbände und ausgewählte Projekte dabei, ihre Kommunikation, Positionierung und digitale Ausrichtung im Sport weiterzuentwickeln – strategisch, praxisnah und ohne operative Spielereien. Mehr dazu unter https://sport-iq.de.
Für handball.net beleuchtet er regelmäßig, wie Vereine und Organisationen sich im digitalen und strategischen Umfeld klug aufstellen können.
Foto: SFN Vechta
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