Zwischen Remis und Widerstandskraft: Der Longericher SC Köln bleibt sich treu
Domstädter sind die "Remis-Könige" der 3. Liga
Drei Unentschieden aus den ersten sieben Spielen, sieben Punkteteilungen in der vergangenen Saison – der Longericher SC Köln entwickelt sich langsam zum Remis-Spezialisten. Trainer Chris Stark sieht darin allerdings keineswegs ein Problem. Im Gegenteil: Die vielen engen Spiele erzählen für ihn vor allem von der Widerstandsfähigkeit seiner Mannschaft.
Ein Punkt kann sich manchmal wie ein Sieg anfühlen. Und manchmal wie eine Niederlage. Beim Longericher SC liegen zwischen diesen beiden Gefühlen in dieser Saison gerade einmal wenige Wochen – und doch erzählen die drei bisherigen Unentschieden völlig unterschiedliche Geschichten.
34:34 gegen die HG Saarlouis nach einer zwischenzeitlichen Sechs-Tore-Führung. Ein Remis gegen Friesenheim nach fast 50 Minuten Rückstand. Und die Punkteteilung gegen Rodgau, bei der sich der LSC vor allem über die eigene Wurfeffektivität ärgerte. Drei Unentschieden, drei unterschiedliche Spielverläufe. Und doch haben sie eines gemeinsam: Longerich bleibt auch in engen Situationen im Spiel. „Statistisch ist es tatsächlich so, dass wir sowohl in der vergangenen Saison mit sieben Unentschieden als auch in dieser Saison mit bereits drei Unentschieden ein Stück weit die Remiskönige sind", sagt Trainer Chris Stark. Beunruhigen lässt ihn das nicht. „Gefühlt war das auch in den Jahren zuvor immer mal wieder der Fall."
Stark betrachtet die Statistik sogar mit einer gewissen Gelassenheit. Schließlich seien es gerade die engen Spiele, die den Handball ausmachten. „Ich finde das sogar positiv, denn es zeigt, dass es bei uns häufig spannend zugeht", sagt der Longericher Trainer. „Gerade die engen Spiele sind es, die die Fans elektrisieren." Die nackte Zahl von drei Unentschieden nach sieben Spieltagen sagt für Stark deshalb nur einen Teil der Wahrheit. Entscheidend sei immer der Spielverlauf.
Gegen Rodgau überwog der Ärger. Kurz nach dem Pokalspiel gegen Nordhorn habe seine Mannschaft nicht zu ihrer Bestform gefunden, insbesondere die Wurfeffektivität habe nicht gestimmt. „Hätten wir in diesem Bereich auch nur annähernd Normalform erreicht, hätten wir das Spiel aus meiner Sicht gewonnen", sagt Stark. Ganz anders die Begegnung mit Saarlouis. Zwar verspielte Longerich eine zwischenzeitliche Sechs-Tore-Führung, doch die Umstände sprechen für Stark eher für einen gewonnenen als für einen verlorenen Punkt. Die offensive 3:3-Deckung brachte den Meisterschaftsfavoriten zunächst aus dem Rhythmus. Saarlouis reagierte bereits in der ersten Halbzeit mit dem Sieben-gegen-Sechs und übernahm zunehmend die Kontrolle.
Vor allem die letzten 20 Minuten hatten es in sich: Saarlouis erzielte 18 Tore. Gleichzeitig gingen dem personell ohnehin gebeutelten LSC zunehmend die Kräfte aus. „Man hat gemerkt, dass wir der enormen Intensität der ersten 40 Minuten Tribut zollen mussten und aufgrund unserer personellen Situation von der Bank kaum noch nachlegen konnten", erklärt Stark. Und trotzdem gab sich Longerich nicht geschlagen. Nachdem Saarlouis ausgeglichen hatte, legte der LSC noch einmal vor. „Deshalb war es am Ende ein absolut verdienter Punkt, mit dem wir sehr gut leben konnten."
Auch gegen Friesenheim musste Longerich lange einem Rückstand hinterherlaufen. Der Gegner erwischte einen starken Tag, dazu hielt dessen Torhüter überragend. Der LSC kämpfte sich dennoch immer wieder heran und machte die Partie in der Schlussphase noch einmal völlig offen. „Wenn man allerdings rund 50 Minuten einem Rückstand hinterherläuft, muss man auch mit einem Punkt leben können", sagt Stark.
Das Kämpferherz als Konstante
Vielleicht liegt genau darin die größere Geschichte hinter der Remis-Statistik. Longerich ist nicht unbedingt die Mannschaft, die jedes enge Spiel gewinnt. Aber es ist eine Mannschaft, die sich nur schwer abschütteln lässt. „Ich denke schon, dass wir grundsätzlich eine sehr widerstandsfähige Mannschaft sind", sagt Stark. Selbst wenn es einmal nicht gut laufe, kämpfe sein Team weiter und schaffe es dadurch häufig, Spiele nicht verloren zu geben.
Diese Eigenschaft habe sich bereits in der vergangenen Saison gezeigt, als eine neu zusammengestellte Mannschaft erst ihren Rhythmus finden musste. Inzwischen ist daraus eine Mannschaft geworden, die Stark ein „großes Kämpferherz" bescheinigt. Gerade in dieser Saison bekommt diese Eigenschaft zusätzliches Gewicht. Der LSC kämpft mit erheblichem Verletzungspech, tritt teilweise mit sehr kleinen Kadern an und musste sogar ehemalige Spieler reaktivieren. Dass die Mannschaft unter diesen Bedingungen immer wieder zurückkommt, ist für Stark deshalb kein Zufall. „Wir geben uns nicht auf und haben uns dadurch schon einige Punkte redlich erkämpft."
Ein Punkt wird nicht abgesichert
Die Frage, ob eine Mannschaft sich irgendwann an das Unentschieden gewöhnen kann, beantwortet Stark dagegen klar: Nein. Denn einen Punkt könne man im Handball ohnehin nicht einfach verwalten. „Im Handball stehen sich zwei Mannschaften mit jeweils 50 oder 60 Angriffen gegenüber", erklärt der Trainer. „Man versucht in jedem Angriff, ein Tor zu erzielen, und in der Abwehr, genau das zu verhindern. Unser Ziel ist dabei immer, das Spiel zu gewinnen."
Auch das Risiko werde dabei nicht gescheut. In der Vergangenheit habe Longerich bei Gleichstand beispielsweise den Torhüter herausgenommen und mit sieben Feldspielern versucht, die Partie noch zu gewinnen. Die entscheidenden Situationen werden zudem im Training bewusst simuliert. Zeit- und Ergebnisdruck sollen den Spielern helfen, auch unter Stress die richtigen Entscheidungen zu treffen. Denn genau dort entscheidet sich häufig, ob am Ende ein Sieg oder ein Remis steht.
Dabei spielen mehrere Faktoren zusammen. Eine taktische Vorgabe des Trainers kann nicht funktionieren, eine Entscheidung auf dem Feld kann falsch sein, ein junger Spieler kann in einer Drucksituation die nötige Abgeklärtheit vermissen. Oder – und das gehört im Handball eben auch dazu – der gegnerische Torhüter hält einfach den entscheidenden Ball. „Dann entscheidet letztlich die Eins-gegen-eins-Situation zwischen Werfer und Torhüter darüber, ob man gewinnt oder unentschieden spielt", sagt Stark.
Die Kunst, enge Spiele zu gewinnen
Gleichzeitig will Stark die vielen Unentschieden nicht als Ausdruck einer Mannschaft verstanden wissen, die regelmäßig kurz vor dem Ziel stehen bleibt. Im Gegenteil. Der Longericher Trainer erinnert daran, dass sein Team in der Vergangenheit zahlreiche enge Partien für sich entschieden habe. „Gefühlt hatten wir deutlich häufiger das bessere Ende für uns, als dass wir knappe Spiele unglücklich verloren haben", sagt er.
Dass es diesmal häufiger zur Punkteteilung gekommen ist, führt er deshalb auch auf die Qualität der Liga zurück. Krefeld, Saarlouis und Gelnhausen sieht Stark als absolute Topmannschaften. Dahinter aber sei das Feld eng zusammengerückt. Viele Mannschaften hätten die Qualität, an einem guten Tag nahezu jeden Gegner zu schlagen. Das macht die Remis-Serie für ihn weniger zu einem Problem als zu einem Spiegelbild dieser Liga.
Und einen positiven Effekt können die Punkteteilungen ohnehin haben. Wer sich nach einem schwierigen Spiel noch einen Zähler erkämpft, nimmt nicht nur etwas für das Punktekonto mit, sondern kann auch mental profitieren. „Wenn man sich in schwierigen Spielen immer wieder zurückkämpft und am Ende noch einen Punkt holt, kann das die Widerstandsfähigkeit einer Mannschaft stärken", sagt Stark.
„Da kann natürlich auch das eine oder andere Unentschieden dabei sein"
Am Ende dürfte die Statistik deshalb weiter wachsen. Stark hält weitere Punkteteilungen für durchaus wahrscheinlich – allerdings nicht, weil Longerich sich mit dem Remis arrangiert hätte. Sondern weil in einer ausgeglichenen Liga viele Spiele auf Messers Schneide stehen werden. „Ich gehe davon aus, dass wir noch einige enge Spiele erleben werden – und da kann natürlich auch das eine oder andere weitere Unentschieden dabei sein."
Für den Longericher SC geht es also nicht darum, das Remis zu vermeiden. Es geht darum, aus jedem engen Spiel das Maximum herauszuholen. Mal bedeutet das zwei Punkte. Mal einen. Und manchmal vielleicht auch die Erkenntnis, dass ein geretteter Punkt am Ende einer langen Saison genauso wertvoll sein kann wie ein hart erkämpfter Sieg. Denn eines scheint beim LSC ohnehin festzustehen: Aufgeben ist keine Option.
Text: Enrico Niemeyer | Foto: IMAGO/Marcel Lorenz
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